Großgemeinde Hirzenhain Eisen, Mühlen und eine Glashütte
Die drei Ortsteile der Gemeinde Hirzenhain wurden durch ganz unterschiedliche frühe Industrien bekannt.
Hirzenhain
Ungewöhnlich reich ist die Innenausstattung von Hirzenhains gotischer Klosterkirche. Das äußere Medaillon am Lettner zeigt die Muttergottes, St. Augustin, einen knienden Mönch und eine Hirschkuh. Es erinnert an die Gründungssage: einem
Klosterbruder erschien im Traum die Jungfrau Maria. Er solle sich seinen Weg durch den Weg bahnen, bis er eine äsende Hirschkuh finde und dort ein Kloster bauen. So sei der Anfang der Siedlung „Hirschwald" — Hirzenhain gewesen.
Etwas nüchterner dokumentieren historische Quellen: In einer Urkunde von 1375 ist von einer Waldschmiede die Rede, und es wird auch eine Marienkapelle erwähnt, die dem Prämonstratenserinnen-Kloster Konradsdorf zugehört.
Später wurden die Eppsteiner hier Grundherrn. Zwischen 1431 und 1435 holte Eberhard von Eppstein Königstein Augustinerchorherren aus dem Bistum Paderborn hierher, am 5. Oktober 1437 erfolgte die Klostergründung, am 22 November 1448 die
Weihe des an den Chor gefügten Kirchenschiffes. Die großzügigen Klosteranlagen sind leider bis auf wenige Reste, die Klostermauer und das steinerne Erdgeschoss des späteren gräflich stolbergischen Hofhauses, verschwunden. Und doch ist
ein wertvolles Erbe der Mönche erhalten geblieben: ihre Kirche, die jetzt der evangelischen Gemeinde gehört.
Die Spenden der Wallfahrer wie die Eppstein Königsteiner Patrone trugen zum Reichtum des Klosters bei. Die Kirche wurde reich geschmückt: am Lettner stehen steinerne
Heiligenfiguren, es gibt eine schöne holzgeschnitzte Madonna auf der Mondsichel und weitere Holzfiguren, ein Triumphbogenkreuz, eine lebensgroße Marienfigur aus weißem
Sandstein. Auch musikalisch hat die Hirzenhainer Kirche eine luxuriöse Ausstattung: neben der Orgel auf der Westempore im Schiff gibt es auch eine zweite im Chor. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts fand sie der orgelbegeisterte
Pfarrer Scheuermann in Einzelteilen auf dem Dachboden des Pfarrhauses und setzte sich für ihre Restaurierung ein. So können in der Hirzenhainer Kirche Konzerte mit zwei Orgeln gegeben werden.
Der Wandel der Reformation traf kein blühendes Kloster. Da schrieb selbst ein friedliebender
Zeitgenosse, der erste evangelische Superintendent Oberhessens, Johannes Pistorius, dem
Landgrafen Philipp: „ Nun sind der Mönch nit mehr denn zwei, der Pater und der Procurator, welche ein sehr ärgerliche hurisch Wesen führen, verschlemmen und verprassen alles, was da ist" . Ungeniert verkauften sie Ausstattungsgegenstände und Gottesdienstgeräte.
Die Eisenhütte, die erst dem Kloster gehört hatte, war in den Besitz der Stolberger übergegangen. Im laufe der Jahrhunderte entsprach das örtliche vorhandene „Raseneisenerz" als Rohstoff nicht mehr den Qualitätsanforderungen. Doch mit dem 1888 vollendeten Bau der Bahnstrecke Stockheim - Gedern kam ein industrieller Aufschwung für den Ort. Die veraltete Eisenhütte wurde als Teil des Wetzlarer Bunderuskonzern ausgebaut, Rohstoffe waren jetzt leicht lieferbar. Ansehnlich alte Industriearchitektur ist Blickpunkt im Ortsbild, etwa das um die Jahrhundertwende erbaute Badehäuschen, das Hugo Buderus für die Arbeiter erstellen ließ. Ein wenig exotisch wirkt es mit dem Jugendstilschmuck aus grtinglasierten Ziegeln, dem wuchtigen Vordach.
Die postindustrielle Phase mit all ihren Problemen hat Hirzenhain nicht verschont, ihm aber auch einen touristischen Anzeihungspunkt beschert. Das Buderussche Kunstgussmuseum zeigt einzigartiges Exponate: nicht nur die gängigen historischen Relief- Ofenplatten, sondern Porträtbüsten, Urnen, Schmuck aus drei Jahrunderten. Erwähnenswert sei hier auch noch das Hugo Buderus im Jahre 1881 Mitgründer des Volgelsberger Höhen Clubs Ortsgruppe Hirzenhain war. Und somit kann der VHC im Jahre 2006 auf sein 125 jähriges Bestehen zurückblicken. Auf dem Hirzenhainer Friedhof befindet sich die Grabstäte der Familie Buderus mit sehr schönen Grabstelen.
Merkenfritz
Der Ortsteil Merkenfritz war Jahrhunderte lang von einer andersartigen „Schlüsselindustrie" geprägt: den Mühlen. Noch im Spätmittelalter gehörte das Tal zum Gerichtsbezirk des untergegangenen Orts Floßbach. Wassermühlen waren aufgekommen, aber werder dort noch im benachbarten Wenings gab es ausreichend fließend Wasser. So wurde am Gederner Bach gebaut.
1280 wurde die neue Siedlung „Zum Erkinftidis" genannt. Um 1597 wurden schon sechs Mühlen im Weiler nachgewiesen. Im 15. und 16. Jahrhundert hat der Ort sogar eine eigene Kapelle, die dem Märtyrer Laurentius geweiht war. Merkenfritz gehört heute noch kirchlich zu Wenings. Im 30-jährigen Krieg wurden vier Mühlen zerstört. Glücklieherweise sind nicht alle sieben Mühlen verschwunden. Die Henkelsmühle etwa, 1680 erbaut, fand als Gaststätte eine neue Nutzung
Glashütten
Auch die ersten Häuser Glashüttens wurden von Arbeitern eines mittelalterlichen „Industrieunternehmens" gebaut. Eine Urkunde von 1450 räumt dem Glashütten — Betreiber Fricken Bartlin das Recht ein, Holz in diesem Bereich zu schlagen und dafür als Jahreszins 100 Gläser an die Kellerei in Nidda zu liefern. Schon in einer Grenzurkunde von 1572 wird die Hütte nicht mehr erwähnt — die nahegelegenen Waldflächen waren kahlgeschlagen.
Beim Bau der Kreisstraße 1840 fanden sich an einer Stelle mengenweise Schlacke und Glasscherben im Boden — wohl Überbleibsel der alten Glashütte. Auf den Kahlflächen des Holzeinschlages bauten neue Siedler. 1584 erhielt der Ort mit der am Hillerbach erbauten Mühle auch amtlich den Namen „Glashütten". Älter sind die beiden anderen Ortsteile Streithain (Ersterwähnung 1187) und Igelhausen (1287).


